Keine Lösung gegen Nullzins

Keine Lösung gegen Nullzins für deutsche Sparer

"Die Sparer haben es mit ihren Anlage-Entscheidungen auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen, auch in Zeiten niedriger Zinsen", so Mario Draghi in der "Bild"-Zeitung. Zeit sich zu fragen, wieso die Deutschen eigentlich zu unfähig sind, Aktien zu kaufen. Die Antwort ist einfach. Weder ist das Finanzwissen geringer als in anderen Ländern, noch die Risikoaversion höher, noch die Bankberater schlechter. Vielmehr sind gerade die Deutschen, um die es hier geht relativ arm. Erträge aus ihren Ersparnissen zu erwirtschaften, wäre vor allem für die Generationen nach den geburtenstarken Jahrgängen wichtig. Diese heute bis 45-jährigen müssen die Gesundheitskosten, Renten und Pensionen der geburtenstarken Jahrgänge bezahlen und zugleich die eigene Altersvorsorge stemmen. Betrachten wir also deren Vermögenssituation auf Basis einer Studie von 2015 des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln. Im Alter bis 35 Jahren betragen die von der Zinspolitik direkt betroffenen Ersparnisse (Spareinlagen, Anleihen, freiwillige private und betriebliche Renten) im Schnitt nur 8 Tausend Euro, von 35 bis 44 Jahren 17 Tausend Euro. Diese Reserven sind damit gerade so hoch, dass das Auto mal kaputt gehen darf oder ein sonstiges kostspieliges Ereignis geschultert werden kann. Es ist in jeder Hinsicht vernünftig diese Reserven nicht in Aktien oder sonstige stark schwankende Anlagen zu investieren. Risikoreiche Investitionen zu tätigen ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. Viele Deutschen sind dafür schlicht zu arm. Mario Draghis Aussage erinnert an „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen“. Nachdem was man heute weiß, hat Marie Antoinette dies zwar nie gesagt, dennoch steht der Satz für die Arroganz des Adels gegenüber den Problemen der einfachen Bevölkerung. Mit Mario Dragis Ratschlag an den deutschen Sparer gibt es jetzt eine moderne Version.

 

Keine Lösung gegen Nullzins für Investoren 

Aber selbst der vermögendere Teil der Deutschen, sollte kritisch bleiben. Die aktuelle Situation mit Zinsen von Null bedeuten, dass es keinen Unterschied zwischen Schulden und Guthaben mehr gibt. Eine Millionen Euro Schulden kosten nichts, eine Millionen Guthaben bringen nichts. Damit steht die Wirtschaft auf dem Kopf. Dass es damit um weit mehr geht, als die Tatsache, dass man als Sparer keine Zinsen mehr auf sein Konto bekommt, zeigt ein Blick in die Realwirtschaft. Nachdem die EZB angekündigt hat, jetzt auch Anleihen von großen Privatunternehmen aufzukaufen, konnte sich zum Beispiel der Konzern Unilever trotz mittelmäßigem Rating die Tage über eine neue Anleihe mit 4 Jahre Laufzeit zu einem Zinssatz von 0,0% verschulden. Das Volumen der Anleihe beträgt 300 Millionen Euro. Unilever ist ein globaler Konzern, aber seine Konkurrenten sind auch mittelständische Unternehmen. Diese besitzen nicht das Privileg kostenlos Geld zu leihen. Vielmehr zahlen solche Unternehmen mindestens 3% Zins für einen 4 Jahres Kredit. Die Kapitalkosten mittelständischer Unternehmen sind also betriebswirtschaftlich um den Faktor Unendlich höher als die Kapitalkosten von Unilever. Die Konkurrenzfähigkeit mittelständische Unternehmen wird untergraben, was diese zur erhöhten Vorsicht zwingt. Wer kann, stockt die Liquiditätsreserven auf. Aber wieder schlägt die EZB Politik zu: Liquiditätsreserven werden mit Strafzinsen belegt. Die Welt steht Kopf. Wasser fließt von unten nach oben.

In einem solchen Kontext sind rationale Investitionsentscheidungen nicht mehr möglich. Geht man davon aus, dass die Nullzinsen langfristig Bestand haben, dann sind alle Realwerte noch zu billig. Beliebig hohe Preise für Unternehmen oder Immobilien können in einem solchen Umfeld gerechtfertigt werden. Eine absurde Welt in der auch die absurdesten Investitionen noch vernünftig erscheinen. Niemand weiß, wie dieses Experiment ausgeht, sodass es sinnvoll erscheint gerade jetzt vorsichtig am Kapitalmarkt zu bleiben. Wem Aktien bisher zu riskant waren, der sollte sich auch jetzt nicht drängen lassen. Denn eines ist sicher: Nullzinsen verringern langfristig die erwarteten Erträge und erhöhen die Risiken alle Anlageklassen, auch die von Aktien und Immobilien.