Wunsch und Wirklichkeit bei der Geldanlage

Der folgende Beitrag ist eine Kurzfassung von Andreas Beck: „Wir und die Finanzmärkte“, Band 1 S.57-62 in „DIE ZEIT erklärt die Wirtschaft“, Herausgeber Uwe Jean Heuser, Birger P. Priddat, Murmann Verlag 2013 ISBN 978-3-86774-258-0

Es ist keine Komödie, es ist keine Tragödie 

Der Finanzmarkt ist ein Nullsummenspiel. Gewinnt eine Investmentbank Milliarden, so müssen andere Milliarden verlieren. Bei diesen großen Summen sind das in der Regel institutionelle Akteure wie Pensionskassen oder unsere Landesbanken. Aber auch im Kleinen bleibt der Finanzmarkt ein Nullsummenspiel. In diesem Spiel sind viele Parteien involviert, die hinter einer einzelnen Geldanlage stehende Kette ist oft lang. Regel Nummer eins in Nullsummenspielen lautet: Sei nicht das schwächste Glied in der Kette. Als Privatanleger ist das nicht trivial. Im Folgenden werden wir uns die hinter einer Geldanlage stehende Kette von Akteuren ansehen.

Das erste Glied in der Kette findet sich immer in der Realwirtschaft. Irgendjemand möchte ein Haus oder eine neue Maschine kaufen, eine Bäckerei oder ein Internetunternehmen gründen, obwohl er das nötige Geld dafür gerade nicht hat. Alles fängt damit an, dass eine Person oder ein Unternehmen in der Realwirtschaft Geld benötigt und dafür einen Geldgeber sucht. Um einen solchen Geldgeber zu finden, bietet er diesem finanzielle Anreize wie zum Beispiel laufende Zinszahlungen für das geliehene Geld. Diese Form der Finanzierung heißt Fremdkapital. Das Charakteristische an Fremdkapital ist, dass der Unternehmer trotz Kreditaufnahme Eigentümer seines Unternehmens bleibt. Die Alternative zum Fremdkapital besteht darin, dass ein Unternehmer die Geldgeber direkt an seinem Unternehmen beteiligt. Er verkauft Anteile an seinem Unternehmen, zum Beispiel in Form von Aktien. Diese Form der Finanzierung heißt Eigenkapital. Damit werden die Geldgeber Miteigentümer, bekommen keinen festen Zinssatz mit Tilgung, sondern partizipieren langfristig an den Gewinnen des Unternehmens. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten für einen Unternehmer Geld aufzunehmen, gibt es unendlich viele Zwischenspiele. Wandelanleihen, Hybridkapital, Genussscheine, Kommanditanteile und so weiter. Wir brauchen dies aber nicht weiter betrachten, da jede dieser Formen immer nur eine Mischung aus den beiden klassischen Varianten, Fremdkapital (z.B. Kredit oder Anleihe) oder Eigenkapital (z.B. Aktie) darstellt.

Wertpapiere dienen originär dazu, Unternehmer aus der Realwirtschaft mit Liquidität zu versorgen. Ein Unternehmer wird dabei so wenig Zinsen wie möglich zahlen wollen. Aber so einfach ist es nicht, da die Geldgeber nicht gezwungen sind, ihm das Geld zu geben. Er muss den Geldgebern eine Gegenleistung bieten. Einmal dafür, dass sie das Geld nicht selber verwenden und zum zweiten für das Risiko, dass die Unternehmung schief geht und der Kredit bzw. die Anleihe verfällt oder die Aktie wertlos wird. In den Medien geht dieser Aspekt leider unter. In der Zeitung werden Wertpapiere immer aus Sicht der Leser besprochen, also aus Sicht der Geldgeber. Es entsteht der Eindruck, der Sinn von Wertpapieren bestehe darin, Anlegern Renditemöglichkeiten zu eröffnen. Ein völlig irreführender Ansatz. Der Sinn von Wertpapier besteht allein darin, Unternehmen der Realwirtschaft mit Liquidität zu versorgen. Der Rest sind Folgeerscheinungen.

Kommen wir zum letzten Glied der Kette: Zu Ihnen. Sie verdienen mehr, als Sie im Moment ausgeben und Sie wollen für das Alter oder für Notfälle oder vielleicht auch für einen bestimmten Konsumwunsch sparen. Jetzt liegen ein paar Tausend Euro auf dem Konto, aber die dortige Verzinsung ist deutlich unterhalb der Inflation, womit sie real laufend verlieren. So geht es nicht weiter und Sie wollen das Geld anlegen. Was tun? Scheinbar unendlich viele Möglichkeiten – sie gehen also zu Ihrem Bankberater. Dieser verkauft Ihnen dann zum Beispiel eine Fondsgebunde Rentenversicherung als hochwertige Anlagemöglichkeit. Was bedeutet das konkret? Sie zahlen Ihr Geld bei einer Versicherung ein, die davon die Provisionen für den Bankberater und ihre sonstigen Kosten abzieht. Der Rest fließt dann an einen Vermögensverwalter, der davon seine Kosten abzieht und den verbleibenden Rest in verschiedene Investmentfonds investiert. Diese ziehen wieder ihre Kosten ab und erst der dann noch verbleibende Rest wird schlussendlich in der Realwirtschaft investiert und kann für Sie Rendite generieren – denn nur dort, nur in der Realwirtschaft wird der Mehrwert generiert, der Ihnen zu einer Rendite verhelfen kann. Es gibt Anlageprodukte für Privatanleger, die eine so lange Kette bis zur Realwirtschaft abbilden, dass nur noch 70% bis 80% des von Ihnen angelegten Geldes überhaupt dort ankommt. Der Rest verliert sich auf dem Weg dorthin über Gebühren

Es gibt heute sehr viele Anlageprodukte für Privatanleger. Aber es ist egal, wie komplex man es verpackt, am Ende wird in Anleihen, Aktien oder analog in der Realwirtschaft investiert. Nur dort entstehen die eigentlichen Renditen. Die dabei für Geldgeber offene Realwirtschaft ist für alle gleich. Die ganze Komplexität in der Produktwelt dient in erster Linie dazu, dass möglichst viele Parteien am gleichen Geschäftsvorfall verdienen. Da es ein Nullsummenspiel ist, zahlt die Zeche der Anleger.

Je höher die abgegriffenen Schachtelgebühren, desto unattraktiver wird die Geldanlage für den Anleger. Dabei war die Grundidee von Anlageprodukten genial. Einzelne Privatanleger haben zu wenig Geld, um breit gestreut in viele verschiedene Wertpapiere zu investieren, sodass der Ausfall eines Wertpapiers keinen großen Schaden anrichtet. Daher brauchen sie ein Sammelvermögen. Viele Anleger zahlen viele kleine Beträge in einen Topf und ein professioneller Manager kümmert sich dann um die breit gestreute sinnvolle Investition. Das war und ist sinnvoll. Anlageprodukte wie hochwertige Investmentfonds oder sogenannte ETF (börsengehandelte Fonds) ermöglichen Privatanlegern, weltweit und breit gestreut zu investieren. Dass dabei Gebühren anfallen, ist vollkommen in Ordnung. Aber dass hier etwas aus dem Ruder gelaufen ist, zeigt allein die Tatsache, dass es auf der Welt vielleicht 15.000 Unternehmen gibt, deren Aktien an Börsen liquide gehandelt werden. Dem gegenüber stehen weltweit über 180.000 Aktienfonds und viele Millionen verschiedener Zertifikate und Derivate die auf bestimmte Kursveränderungen dieser 15.000 Aktien wetten. Eine riesige Industrie ist entstanden ohne das die reale Welt dadurch größer oder schöner geworden wäre.